Barbara Eder: Unterbrechung, Leerstelle, Möglichkeitsraum – Kontrafaktisches Erzählen in der Graphic Novel

Graphic Novel – im Deutschen illustrierter Roman, Comicroman oder auch Grafischer Roman – ist eine Bezeichnung für ein zu Beginn der 1980er Jahre in den USA entstandenes Comicgenre, das sich durch gestalterische Innovation und einen ernsthaften Umgang mit autobiografischen Themen auszeichnet (vgl. Eisner 2006, 141). In formalästhetischer Hinsicht wird das konventionelle Erzählen in Bildfolgen zugunsten von ungewöhnlichen Neuan-ordnungen der Panels suspendiert. Starre Muster der Seitengestaltung weichen Repräsentationsformen, die dem zu vermittelnden Inhalt möglichst nahe kommen sollen. Mit dem Transfer des Mediums Comic hin zu dem für die Graphic Novels charakteristischen Buchformat beginnt ebenso eine Geschichte der narrativen Zuspitzung der sequenziell miteinander verflochtenen Bilder. Benoît Peeters (2007) zufolge verändert sich das Arrangement der Panels dadurch grundlegend: Das Einzelbild steht fortan in produktiver Spannung zur Gesamtheit des Ganzen, einzelne Motive kehren im Verlauf einer Erzählung wieder und die Seitenkomposition verändert sich infolgedessen fundamental.

Im Verlauf der Lecture soll ein Einführungsvortrag den Teilnehmer/innen einen detaillierten Einblick zum Thema Graphic Novel geben. In diesem Zusammenhang sind insbesondere die Inkongruenzen und Überdeterminiertheiten – der im Zuge des literarischen Erzählens in Bildern entstehende Bedeutungsüberschuss – von Relevanz: diese bedingen es nämlich, dass im autobiografischen Comicroman nicht vom historisch „So-Gewesenen“, sondern dem  literarisch Möglichen erzählt wird. Anhand von Alison Bechdels Fun Home (2008) wird dies exemplarisch demonstriert. Im darauf folgenden Workshop bearbeiten die Teilnehmer/innen Ausschnitte aus Graphic Novels mit kontrafaktischen Erzählelementen, die mithilfe des Textes “Four Conceptions of the Page” von Benoît Peeters im Hinblick auf die Komposition und Anordnung der Bilder sowie den Aufbau und das Spiel mit Erwartungshaltungen seitens der Leser/innen in Kleingruppen analysiert werden.

 

Zur Vorbereitung

Peeters, Benoît: “Four Conceptions of the Page”. Aus dem Französischen von Jesse Cohn. In: ImageTexT: Interdisciplinary Comics Studies. 3.3 (2007). Deptartment of English, University of Florida, http://www.english.ufl.edu/imagetext/archives/v3_3/peeters/ (13. April 2015).